30/05/2008 08:06
Zwischenzeit (10): Das Elend der Sexualität
Wovor 1968 zurückschreckte, wollen wir vollenden: die sexuelle Emanzipation. Ein hoffnungvolles Plädoyer des radikal-unvermeidlichen Fortschritts.
VON DAVID BERGER
Ach, die Sexualität besorgt einen ja bloss. Immerzu muss man ficken, nirgends kann man ruhen, weil endlich scheint auch die Sexualität verdinglicht, vergegenständlicht, daher entzaubert. Und allerorten verzweifeln Menschen; hierüber berichten Sex-Experten.
Wie viel Energie wir tatsächlich einer Sexualität wegen vergeuden, die letztlich biologisch nutzlos ist, weil sie nicht den Artbestand stabilisiert, ist unermesslich. Alle diese Mühen und Sorgen könnten wir uns eigentlich ersparen, gestattet uns der Fortschritt doch, eine der Menschheit weitere Geissel, nachdem Alkohol etabliert, zu zerschlagen.
Und sind wir nicht frustriert der elenden Zweierbeziehung wegen, die uns alle dergestalt knechtet und verbittert, dass wir, als dankbar der Geist nächtigt, ins nächstbeste Bordell eilen, wo wir dann allein die Gewissheit kosten, ein jahrtausendelang gefrommtes Tabu zu schrammen? Sollten wir nicht vielmehr diversifizieren, statt also in eine Zweierbeziehung zu investieren, deren Überlebenschance jährlich schrumpft, die heitere Unverbindlichkeit intensivieren?
Der Menschheit Elend ist allein die Sexualität. Doch der Fortschritt verheisst endlich Besserung. Wogegen früher die Fortpflanzung gemahnte, die Sexualität der Zucht wegen haushälterisch zu dosieren, ermöglicht der Fortschritt den Menschen, nunmehr die biologisch funktionalisierte Sexualität zu emanzipieren.
Die schöne, weil neue Welt scheint verwirklicht. Alsdann wir keiner Sexualität bedürfen, das unsre Geschlecht zu reproduzieren, ist die Sexualität denn endlich befreit. Wir dürften rammeln, so oft und so viel, mit wem uns beliebt und wen uns beleibt, ist doch fortan einerlei, ob dadurch Weiber geschwängert werden oder nicht. Weiber müssten denn nicht mehr befruchtet werden. Überhaupt ende der Kampf der Geschlechter, weil der Sexus überkommen wäre.
Sind dies nicht frohe Aussichten, denen man bedingungslos beipflichten solle? Nicht wahr, die momentane Sexualität deprimiert? Ermuntern dürfte, dass lästige Fragen erübrigt wären, ob und wie wir denn bereits Nachwuchs zeugten. Wir wären dann endlich frei, tatsächlich erlöst vom Zwang der Arterhaltung. So dürften wir hemmungslos plauschen, wir könnten «Brot und Spiele» vollenden: die Sexualität zugleich als Brot wie Spiel.
Fürwahr! Doch zunächst müssen wir noch einige Ideale zertrümmern; dass beispielsweise Kinder «natürlich» geschaffen werden müssten. Wer ersann denn einen solchen Unsinn? Wir sind doch allesamt Technokraten; allein die Technik gebietet, also dürfe die Technik auch über die andernfalls missratene Menschenzucht wachen. Auch das Ideal der Zweierbeziehung scheint antiquiert, daher mobilen, flexiblen, handelnden und zielbewussten Geister vollends unwürdig.
Wir müssen hasten, dürfen uns nicht auf ein und denselben Menschen versteifen, dem wir ohnehin nicht trauen können, mag er uns doch jederzeit betrügen. Wir sollten uns vielmehr wirklich und tatsächlich verselbständigen; ganz zum selbstherrlichen Subjekt vervollkommnen. Erst dann, wenn Menschen bedenkenlos verludern dürfen, ohne dass die Gesellschaft einen hierfür tadle, ist Mensch frei und einer Zukunft gewiss.
Scheut also nicht, liebe Leser, die gegenwärtige Sexualmoral zu dekonstruieren als Perversion einer geheimtuerischen Elite, die bloss nach eurer Freiheit trachtet. Fördert und billigt den Fortschritt! Und wehret den Anfängern, die bloss moralisieren und somit eure nunmehr heilig gesprochene Lebensfreude schmälern! Gute Nacht!
VON DAVID BERGER
Ach, die Sexualität besorgt einen ja bloss. Immerzu muss man ficken, nirgends kann man ruhen, weil endlich scheint auch die Sexualität verdinglicht, vergegenständlicht, daher entzaubert. Und allerorten verzweifeln Menschen; hierüber berichten Sex-Experten.
Wie viel Energie wir tatsächlich einer Sexualität wegen vergeuden, die letztlich biologisch nutzlos ist, weil sie nicht den Artbestand stabilisiert, ist unermesslich. Alle diese Mühen und Sorgen könnten wir uns eigentlich ersparen, gestattet uns der Fortschritt doch, eine der Menschheit weitere Geissel, nachdem Alkohol etabliert, zu zerschlagen.
Und sind wir nicht frustriert der elenden Zweierbeziehung wegen, die uns alle dergestalt knechtet und verbittert, dass wir, als dankbar der Geist nächtigt, ins nächstbeste Bordell eilen, wo wir dann allein die Gewissheit kosten, ein jahrtausendelang gefrommtes Tabu zu schrammen? Sollten wir nicht vielmehr diversifizieren, statt also in eine Zweierbeziehung zu investieren, deren Überlebenschance jährlich schrumpft, die heitere Unverbindlichkeit intensivieren?
Der Menschheit Elend ist allein die Sexualität. Doch der Fortschritt verheisst endlich Besserung. Wogegen früher die Fortpflanzung gemahnte, die Sexualität der Zucht wegen haushälterisch zu dosieren, ermöglicht der Fortschritt den Menschen, nunmehr die biologisch funktionalisierte Sexualität zu emanzipieren.
Die schöne, weil neue Welt scheint verwirklicht. Alsdann wir keiner Sexualität bedürfen, das unsre Geschlecht zu reproduzieren, ist die Sexualität denn endlich befreit. Wir dürften rammeln, so oft und so viel, mit wem uns beliebt und wen uns beleibt, ist doch fortan einerlei, ob dadurch Weiber geschwängert werden oder nicht. Weiber müssten denn nicht mehr befruchtet werden. Überhaupt ende der Kampf der Geschlechter, weil der Sexus überkommen wäre.
Sind dies nicht frohe Aussichten, denen man bedingungslos beipflichten solle? Nicht wahr, die momentane Sexualität deprimiert? Ermuntern dürfte, dass lästige Fragen erübrigt wären, ob und wie wir denn bereits Nachwuchs zeugten. Wir wären dann endlich frei, tatsächlich erlöst vom Zwang der Arterhaltung. So dürften wir hemmungslos plauschen, wir könnten «Brot und Spiele» vollenden: die Sexualität zugleich als Brot wie Spiel.
Fürwahr! Doch zunächst müssen wir noch einige Ideale zertrümmern; dass beispielsweise Kinder «natürlich» geschaffen werden müssten. Wer ersann denn einen solchen Unsinn? Wir sind doch allesamt Technokraten; allein die Technik gebietet, also dürfe die Technik auch über die andernfalls missratene Menschenzucht wachen. Auch das Ideal der Zweierbeziehung scheint antiquiert, daher mobilen, flexiblen, handelnden und zielbewussten Geister vollends unwürdig.
Wir müssen hasten, dürfen uns nicht auf ein und denselben Menschen versteifen, dem wir ohnehin nicht trauen können, mag er uns doch jederzeit betrügen. Wir sollten uns vielmehr wirklich und tatsächlich verselbständigen; ganz zum selbstherrlichen Subjekt vervollkommnen. Erst dann, wenn Menschen bedenkenlos verludern dürfen, ohne dass die Gesellschaft einen hierfür tadle, ist Mensch frei und einer Zukunft gewiss.
Scheut also nicht, liebe Leser, die gegenwärtige Sexualmoral zu dekonstruieren als Perversion einer geheimtuerischen Elite, die bloss nach eurer Freiheit trachtet. Fördert und billigt den Fortschritt! Und wehret den Anfängern, die bloss moralisieren und somit eure nunmehr heilig gesprochene Lebensfreude schmälern! Gute Nacht!







Diskussion
Aber ich bin seit 15 Jahren verheiratet und unsere Partnerschaft besteht durchaus aus noch etwas mehr Aspekten als die von Ihnen angesprochenen. Was die körperliche Ebene angeht: es geht Nichts über einen faulen Kuschelmorgen am Wochenende.
Das weibliche Pendant zu Mann in seiner heutigen Bedeutung war ursprünglich das Weib. Und David Berger spricht ja gerne in der Sprache Nietzsches, also aus Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts. Das Weib ist eine erwachsene Person weiblichen Geschlechts, so wie Frau oder Dame (im Gegensatz zum Mädchen, das ja wieder in Feuchtgebieten fröhlich Urständ feiert). Das Weib muss auch heute nicht zwingend mit einer negativen Konnotation einhergehen. So wenig wie «Kerl», auch ein Wort das ich mag.
Den Artikel von Berger habe ich, einmal mehr, nicht verstanden. Irgendwie geht es ihm nicht gut mit dem Sex, verstehe ich.
Mir geht es gut. Darum habe ich dazu nicht mehr beizutragen.
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