Das Kunsthaus Aussersihl materialisiert sich

Das Kunsthaus Aussersihl materialisiert sich
Bild: Andrea Heller
Das Amtshaus am Zürcher Helvetiaplatz soll zu einem Haus der Kunst und Kultur werden. Schwammige Zukunftsvisionen? Keineswegs. Das «Kunsthaus Aussersihl» ist bereits aktiv.

Erste Momentaufnahme: Der Blick vom Dach des Amtshauses am Helvetiaplatz über die Umgebung. Die Augen tasten Bekanntes und Ungewohntes ab, finden die verborgenen Kulturpunkte im Quartier, die während der «Aktion 001» letzten Oktober aufgespürt wurden; suchen nach einem unsichtbaren Bild, das sich über Zürich Aussersihl legt und sich vielleicht aus dieser einen Perspektive entschlüsseln lässt – wie in der «Aktion 004», die in diesen Tagen in der Bäckeranlage stattgefunden hat.

Zweite Momentaufnahme: Die Mitglieder des Vereins Kunsthaus Aussersihl stehen vor dem wuchtigen Gebäude. Die untergehende Sonne erhellt die obersten Stockwerke, während die unteren Fensterreihen bereits im Schatten liegen. Die Gesichter auf der Fotografie vermitteln Zuversicht, Schaffensdrang, Realitätssinn. Es liegt auch eine Aufforderung im direkten Blick, der auf den Betrachter fällt: Sein Mitwirken ist gefragt, zumindest in Form von Aufmerksamkeit.

Seit rund zwei Jahren nimmt die Idee eines «Kunsthauses Aussersihl» Gestalt an. Das Amtshaus am Zürcher Helvetiaplatz, das als Raumreserve unterschiedliche Abteilungen der Stadtverwaltung beherbergt hat, wird bald nicht mehr für diesen Zweck gebraucht. Was liegt näher als eine Zwischennutzung oder Umnutzung? Eine Gruppe von Kunst- und Kulturschaffenden, alle bereits mit Projekterfahrung, beschloss im Jahr 2006, Anspruch geltend zu machen.

Zu Beginn erschienen einige Artikel in den Medien, dann schien das Interesse wieder zu erlöschen. Doch unter der Oberfläche der Medienöffentlichkeit arbeiten die Macher unermüdlich daran, dass ihre Idee immer wieder aufblitzt und sich in den Köpfen festsetzt. Denn das Kunsthaus Aussersihl ist nicht erst eine abstrakte Vorstellung, die sich räumlich in dem riesigen Betonklotz am Helvetiaplatz niederlassen will. Es existiert bereits konkret: in den Aktionen (s. Box), die von den Initianten durchgeführt werden. Aktionen, welche die Bevölkerung des Kreis 4 einbeziehen, aber auch die Kulturschaffenden in Zürich und von überallher.

Soll hier einfach ein Gebäude mit günstigen Arbeitsräumen für Kulturschaffende entstehen? – Viel mehr als das. Zuallererst will das Kunsthaus Aussersihl den Austausch fördern, Resonanz auslösen, als Kompetenzzentrum wirken. Das sind nicht bloss schöne Worthülsen, sondern dieser Wille ist in den Zielen des Kunsthauses Aussersihl verankert: Hier werden Künstler, Musiker, Schriftsteller etc. arbeiten, die tatsächlich an einem Austausch interessiert sind. Drei «Mediatoren» stellen diesen Austausch sicher: Der Kommunikator, der den internen Dialog fördert. Der Koordinator, der einen regen Kontakt nach aussen aufrechterhält. Und der Kurator, der organisatorische Dreh- und Angelpunkt, der sich in allen Szenen auskennt. Raum für den Dialog stellen unter anderem eine Bibliothek, Werkstätten und ein Ausstellungsraum zur Verfügung.

Das Kunsthaus Aussersihl ist interdisziplinär. Kulturschaffende aus allen Sparten werden hier arbeiten und gemeinsam Projekte entwickeln. Gastateliers für Leute aus verschiedenen Regionen der Schweiz und aus dem Ausland sind zentral für die Austauschidee. Im Gegensatz zu anderen Zürcher Projekten wie dem Löwenbräu-Areal legt das Kunsthaus Aussersihl seinen Schwerpunkt auf die Produktion von Kunst, nicht die Distribution.

Geplant ist das Kunsthaus Aussersihl vorerst als dreijähriges Pilotprojekt. In drei Finanzierungsmodellen ist ein mehr oder weniger starkes Engagement der Stadt Zürich vorgesehen. Auch wenn das bald leerstehende Gebäude andere Begehrlichkeiten weckt, sind die Mitglieder des Vereins überzeugt, dass ihr Projekt am besten in den Kreis 4 passt und der Stadt am meisten Nutzen bringt: «Wir präsentieren der Stadt eine so ausgereifte Idee, dass sie nur noch zugreifen muss!», sagt Vereinsmitglied Georgette Maag selbstbewusst. Dass solche Projekte mit Schwerpunkt auf der Kulturproduktion funktionieren, beweisen Beispiele in Schweizer und ausländischen Städten: der PROGR in Bern, das Künstlerhaus in Bremen oder das Kunsthaus L6 in Freiburg im Breisgau.

Der Einbezug der Umgebung ist den Initianten des Kunsthauses Aussersihl ein wichtiges Anliegen. Deshalb arbeiten sie bei ihren Aktionen immer wieder mit Vereinen aus dem Quartier zusammen. Die Sichtbarkeit und die Akzeptanz steigen – inzwischen haben mehr als 300 Interessierte den Newsletter abonniert; rund 50 davon sind Vereinsmitglieder. Das Kunsthaus Aussersihl existiert bereits: Es verfügt über eine Organisation und manifestiert sich in seinen Aktionen. Das Gebäude steht unübersehbar bereit. Wenn alles nach Wunsch verläuft, finden Haus und Inhalt in den nächsten Jahren zusammen.


Autorin: Sabine Gysi. Dieser Artikel erschien im ensuite kulturmagazin, Ausgabe Juni 08

> Information zum Kunshaus Aussersihl, Anmeldung für Newsletter oder Mitgliedschaft


Bisherige und aktuelle Aktionen des Kunsthauses Aussersihl

001 – Kunstrundgang, Oktober 07. Versteckte Kunst im Kreis 4 wurde aufgespürt.
002 – Kinderhort an der «Kunstszene», Dez. 07/Jan. 08. Die Kinder bauten ihr eigenes Kunsthaus Aussersihl.
003 – «Skype Meetings»: Internationale Gespräche über Selbstorganisation unter prekären Arbeitsbedingungen. Die Installation dazu ist in der Shedhalle noch bis zum 8. Juni zu sehen.
004 – «Im Grünen» in der Bäckeranlage, 30./31. Mai 08. Eine grosse Zeichnung, die nur aus einem bestimmten Blickwinkel erkennbar ist, wurde erstellt und konnte an diesen beiden Tagen besucht werden.
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