Zwischenzeit (11): Wie überlebt man die EURO 2008?

Zwischenzeit (11): Wie überlebt man die EURO 2008?
Unser Kolumnist ist verunsichert. Er weiss nicht recht, wie er die EURO 2008 überleben soll. Daher bittet er um Rat. Doch zunächst eine kurze Abhandlung.

VON DAVID BERGER

Versammelt am Tisch, einander naturgemäss beargwöhnend, zirkuliert sogleich das Stichwort «EURO 2008», die Vollendung von «Brot und Spiele». Man bekennt sich als Skeptiker, möchte, ganz sozialdemokratisch, «ein Zeichen setzen»: gegen die EURO 2008, gegen «Brot und Spiele».

Letztlich hat und ist man resigniert, auch ich. Denn alle die, welche momentan des Fussballs sich entsagen, werden irgendwann, spätestens wenn die Nationalmannschaft ein Wunder schafft, brüllen und saufen. Sodann sind sämtliche Vorsätze gebrochen. Man wird regelrecht mobilisiert. Die Euphorie einer mechanisierten Masse infiziert jeden. Das Spektakel triumphiert.

Ich werde jedenfalls auf verlorenem Posten harren, gleichviel die Masse tobt, gleichgültig, ob Tagesgespräche plötzlich bloss noch Fussball beinhalten. Hierfür belohnt werde ich kaum. Anerkennung wird mir keine gewiss sein, mindestens Verachtung, bestenfalls Beschämen darf ich erwarten. Nichtsdestotrotz, ich harre.

Doch lasst uns gemeinsam vereinsamen, diese grossartige, weil tragische Vereinzelung spüren! Fussball erobert zwar den öffentlichen Raum, betört den Körper, aber die Seelen, auch noch nach Alexis de Tocquevilles untröstlichem Befund, bitte, schont doch bitte eure Seelen! Allein, dass die Totalität der EURO 2008 staatlich wie privatwirtschaftlich legitimiert ist, sollte uns befremden. Eigentlich.

Wer sowieso abseits lebt, notdürftig integriert ist, obschon steuerpflichtig und arbeitsam, der mag auch während der EURO 2008 überleben, und zwar sittlich, würdevoll. Umso mehr scheint dies geboten, als die Massen den symbolischen «Widerstand» proben, der eigentlich keiner mehr ist; eine privatwirtschaftlich verordnete Ekstase tätigen. Dies im Sinne Adornos «Amusement», jene Freizeitbeschäftigung, die, statt den Menschen zu erholen vom Arbeitsprozess, ihn vielmehr trainiert und stählt; Fun ist ja ein Stahlbad, so Adorno letztlich.

Nun, wie kann man denn die EURO 2008 gänzlich ignorieren? Vermittelst einer radikalen selektiven Wahrnehmung. Und natürlich auch vermittelst einer ebenso radikalen Menschenverachtung. Menschen sind Tiere, hässliche Tiere fürwahr. Dass solche sich zusammenrotten, um einander beim Saufen und Grölen zu sekundieren, scheint triftig. Dass man solche Kreaturen geradezu verachten muss, weil man sie nicht ändern kann und will, scheint wiederum einsichtig. Ausschliesslich die Weltgeschichte, ist doch allein sie die Erziehungsanstalt für unverbesserliche Überzeugungstäter, mag das missratene Menschengeschlecht noch züchtigen.

Doch pessimistisch-fatalistisch gesinnt, verdunkelt sich auch dieser Lichtblick rasch. Wie also die EURO 2008 überdauern? Ehrlich gesagt, ich weiss es auch nicht. Ich versuche mich bloss zu täuschen; bin ja bemüht, dies Spektakel, das ringsherum gezündet, zu leugnen, so gut als möglich, doch ich sehe mein Scheitern nahen. Daher meine Frage: Wie meistert ihr denn die EURO 2008?
 
 
 
+2 Punkte

Mag den Artikel